KÖRPER IST KÖRPER IST KÖRPER IM UNENDLICHEN RAUM
Hommage à Alberto Giacometti

Neuerscheinung September 2009

Im Werk von Alberto Giacometti (1901-1966) ist der Mensch das Zentrum, um den sich nicht alles dreht, sondern um den es geht. Es geht um den Menschen, der steht und der geht und der stehend und gehend nichts anderes macht, als sich selber zu sein. Das Selbstsein ist der Sinn der Figuren, die dieser verwarf und verwarf und nie an ein Ende brachte, der dem Raum einen neuen Raum hinzufügte. Die Leistung von Giacometti besteht darin, dass er den Raum zum menschlichen Raum gemacht hat, zum Raum, in dem sich Menschen begegnen und in dem sie sich deshalb entwickeln.

Reihe Hommage
Die Reihe Hommage würdigt die KünstlerInnen, DichterInnen und PhilosophInnen, die Massstäbe setzten, die den Raum, den es gab, geöffnet und zu dem gemacht haben, was er geworden ist. Würdigen heisst nicht nur Achtung erweisen und differenziert beschreiben, sondern den Sachen entsprechen, die Wirklichkeit sind. Die Reihe Hommage ist wie dieses Schiff, das Nähe erzeugt, weil es sich dorthin bewegt, wo die sichtbare Seite der Welt weiter und grösser wird. Jeder Band der Reihe Hommage enthält eine Dichtung und einen Essay, die das Gleiche anders beleuchten und anders zur Sprache bringen. Die Reihe Hommage ist anders als andere Reihen, weil sie den Ton ins Bild hinein bringt, weil sie Musik ist, die sichtbar erscheint.

Alberto Giacometti (1901-1966) verbrachte den grössen Teil seines Lebens in seinem Atelier, das eigentlich eine Höhle war, in der er seinen Figuren Leben einhauchte. Er erfand nicht irgendetwas, sondern er fand. Er fand diesen Menschen, der nur steht oder geht und weil er steht oder geht, Raum schafft, räumliche Welt. Im Weltraum ist der Mensch klein, so klein, dass man zu Recht sagen kann, er sei eine Quantité négligeable. Doch sobald er sich selber ist, erschafft er den Raum, der im Weltraum als menschlicher Raum existiert. Nachdem sich Giacometti vom Surrealismus gelöst und den Schritt in seine eigene Sprache gemacht hatte, wurde sein winziges Atelier zum Zentrum der Welt, denn was in ihm geschah, war nicht weniger und nicht mehr als die Entdeckung der Stellung, die der Mensch im Weltraum besitzt. Die Stellung des Menschen im Weltraum wurde von Giacometti so definiert: Der vorhandene Raum wird von der Horizontalen bestimmt, und weil der Mensch die Vertikale betont, wird der Raum so zentriert, dass sich eine Konzentration ergibt. Die Stellung des Menschen im Weltraum ist also diese, dass er ihn konzentriert, was konsequenterweise bedeutet, dass der selbständige Mensch die Schöpfung verdichtet. Im Werk, das Giacometti geschaffen hat, kommt der Mensch zu sich selbst, in sein eigenes Selbst, was wiederum heisst, dass seine Entwicklung einen Sprung gemacht hat. Ohne Giacometti wüssten wir nicht, dass Existenz Zentrierung bedeutet und dass Zentrierung zum Menschsein gehört.

Emil Schwarz (*1944) ist Künstler und Kunstvermittler, Dichter und Philosoph. Während Jahrzehnten hat er Kunst unterrichtet, und in dieser Zeit lag der Schwerpunkt seiner Arbeit in der Überwindung der Trennung zwischen der Wissenschaft und der Kunst.

Emil Schwarz hat viele Bücher veröffentlicht und sein bildnerisches Werk in einigen Dutzend Ausstellungen gezeigt. Die Reihe Hommage ist ein wichtiges Werk von ihm, weil sie sowohl Dichtung ist als auch Philosophie und weil sie Kunst ist und nicht nur beschreibt. Die Reihe Hommage verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart und der Zukunft, indem sie diese, die Aussergewöhnliches geleistet haben, aus dem herrschenden Bild heraus nimmt und in eine neue Sicht hinein bringt. Es sind DichterInnen, KünstlerInnen und PhilosophInnen, die Emil Schwarz so beschreibt, dass keine Porträts entstehen, sondern Bilder, in denen sich alles kristallisiert.